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Guntmar Wolff

Journalist

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Kilimandscharo: Halluzinationen und Erbrechen gehören dazu (6)

veröffentlicht am 12. Juli 2022 by Guntmar Wolff

Ja, ich weiß, die Über­schrift ist sicher­lich nicht die ein­la­den­ste, aber das ist nun­mal die Rea­li­tät, die mir auch spä­ter ande­re Berg­stei­ger bestä­ti­gen wer­den. Aber von vor­ne: Die Nacht im Camp Shik­va wird bei Ash­ley und mir sicher­lich für immer im Gedächt­nis haf­ten blei­ben.
Es fängt damit an, dass wir bei­de, wie schon geschrie­ben, kei­nen Hun­ger hat­ten und schnell ein­schlie­fen. Der Schlaf hält bei mir aber nur weni­ge Minu­ten an, dann bin ich wie­der wach, und Bauch­schmer­zen quä­len mich. Mei­ne Sau­er­stoff­wer­te wur­den durch San­ga kurz vor­her noch gemes­sen, sie lagen bei 91 und damit immer noch für die Höhe im grü­nen Bereich.

Aller­dings kom­men zu den Bauch- auch noch Kopf­schmer­zen. Ich ver­su­che mich zu ent­span­nen und hof­fe, dass es mor­gen bes­ser wird. An Schlaf ist jedoch gar nicht zu den­ken. Ich schei­ne für weni­ge Sekun­den ein­zu­nicken, nur um dann völ­lig ori­en­tie­rungs­los auf­zu­wa­chen. Zeit­wei­se glau­be ich mei­ne Frau im Zelt zu sehen, die aller­dings zur Zeit mit unse­rer Klei­nen gemein­sam bei ihren Eltern in Süd­afri­ka weilt. Die Rou­ti­ne in den kom­men­den Stun­den besteht dar­in: Kur­zes Ein­nicken, dann schweiß­ge­ba­det auf­wa­chen. Drau­ßen heult der Wind und ich spü­re, wie die Käl­te durch die Rit­zen zieht. Mit­ten in der Nacht muss ich mich über­ge­ben. Ich bin zu schwach, um auf­zu­ste­hen und rol­le mich nur aus dem Zelt. Dadurch wird auch Ash­ley wach und fragt mich ganz ent­setzt, wie es mir gehe.

Mit halb­ge­schlos­se­nen Augen bemer­ke ich, dass sich auf dem Camp eine Schnee­decke aus­ge­brei­tet hat. Eigen­ar­ti­ger­wei­se ist mir aber nicht kalt. Ich rol­le mich zurück auf die mitt­ler­wei­le unge­lieb­te Iso­mat­te und fie­be­re im wahr­sten Wort­sinn dem Mor­gen ent­ge­gen.

Um acht Uhr und gefühl­ten zehn Minu­ten Schlaf rufe ich nach San­ga, der sein Zelt neben unse­rem hat. Er kommt bei uns hin­ein und ich schil­de­re ihm die Nacht. Eigent­lich hat­te ich auf Ent­set­zen oder Erstau­nen gehofft aber nichts davon. «Das ist nor­mal», ver­sucht er mich zu beru­hi­gen. Der Kör­per ver­su­che sich jetzt an die Höhe zu akkli­ma­ti­sie­ren und das gehe eben mit die­sen Sym­pto­men ein­her. So fühlt sich also Höhen­krank­heit an. Dass sich der Kör­per so anstellt, hat mir kei­ner der zahl­rei­chen Medi­zi­ner erklärt, die ich im vor­hin­ein kon­sul­tiert habe.

San­ga erklärt mir, ich sol­le mich ein wenig aus­ru­hen, und nach­her wür­den wir uns auf­ma­chen. Ich weiß im Augen­blick gar nicht, wie das über­haupt gehen soll. Ein Sei­ten­blick zu Ash­ley ver­rät mir, dass auch sie am Ende ihrer Kräf­te ist. Ich ver­su­che, fri­sche Luft zu schnap­pen und set­ze mich in den Schnee an einen Stein. Unver­mit­telt rol­len bei mir hem­mungs­los die Trä­nen. San­ga kommt zu mir und setzt sich neben mich. «Haku­na mata­ta» sagt er mir, was über­setzt so viel heißt wie: «Mach Dir kei­ne Sor­gen.» Er misst mei­nen Sau­er­stoff­ge­halt: noch immer über 90.

Ich rap­pel mich lang­sam auf und erklä­re ihm, dass wir uns fer­tig­ma­chen wer­den, um wei­ter­zu­ge­hen. Wäh­rend in der Nacht zuvor das Zusam­men­räu­men unse­rer Ruck­säcke fünf Minu­ten dau­er­te, brau­che ich heu­te mor­gen so lan­ge, um über­haupt mei­nen Schlaf­sack auf­zu­rol­len, weder Ash­ley noch ich haben ein Fun­ken Ener­gie. An Essen ist bei uns bei­den über­haupt nicht zu den­ken. Wenn ich nur dar­an den­ke, steigt bei mir gleich wie­der der Wür­ge­reiz hoch.

Isaak nimmt Ash­leys Ruck­sack, ich möch­te mei­nen tra­gen und gemein­sam mit San­ga geht es dann los. Schritt für Schritt schlep­pen wir uns den Kili­man­dscha­ro wei­ter hoch. Wir sto­ßen klei­ne Lava­stei­ne vor uns her. Ich ver­su­che damit, mei­ne Bauch­schmer­zen zu igno­rie­ren, die­se las­sen aber nicht nach, son­dern wer­den immer stär­ker. Nur noch 1600 Meter Höhe tren­nen uns vom Gip­fel.

Wäh­rend wir mono­ton wei­ter vor uns hin­lau­fen, sehen wir eine Staub­wol­ke am Hori­zont auf­zie­hen. Auf einer Piste, so erklärt uns San­ga, ist ein Ret­tungs­jeep unter­wegs. Ein ande­rer Wan­de­rer, sei­nes Zei­chens Tri­ath­let, muss­te auf­ge­ben, da er ähn­li­che Sym­pto­me zeig­te wie wir. Bei Ash­ley fällt mir nun auf, dass sie immer kür­zer atmet — kein gutes Zei­chen. Das fällt auch unse­ren Gui­des auf, die uns raten, eben­falls den Jeep zu neh­men, der über Funk mit ihnen ver­bun­den ist und die Bestei­gung an die­ser Stel­le zu been­den.

Ash­ley und ich set­zen uns hin und berat­schla­gen uns. Nach nur kur­zem Aus­tausch ist es klar. «Wenn wir jetzt auf­hö­ren, ist es kein Abbruch, son­dern eine unglaub­li­che Berg­be­stei­gung, die wir an die­ser Stel­le aus Sicher­heits­grün­den nicht fort­set­zen soll­ten.» Wir erzäh­len San­ga und Isaak von unse­rem Ergeb­nis und erleich­tert stim­men sie uns zu. «Hät­tet Ihr Euch nicht so ent­schie­den, hät­ten wir Euch run­ter­schicken müs­sen», sagen sie. Vor allem Ash­leys Kurz­at­mig­keit, ver­ur­sacht durch die Höhen­luft, kön­ne sonst Lang­zeit­schä­den her­vor­ru­fen. Die bei­den neh­men Kon­takt zum Fah­rer auf und erklä­ren ihm, dass auch wir den Weg nach unten antre­ten wer­den.

Ohne gro­ßes Bedau­ern, neh­men wir einen Sei­ten­weg, der uns zu der Piste führt, an der der Jeep bereits auf uns war­tet. Auch die Trä­ger, die bereits vor­ge­gan­gen waren, sind zurück­ge­kom­men und tre­ten mit uns den Rück­weg an. Zum Abschluss wer­den noch ein paar Erin­ne­rungs­fo­tos geschos­sen.

Es dau­ert kei­ne zwei Minu­ten und Ash­ley ist im Jeep auf mei­nen Bei­nen ein­ge­schla­fen. Ich kann gar nicht aus­drücken, wie stolz ich auf mein Mäd­chen bin, das die­sen Trip mit mir gemein­sam gemei­stert hat. Nach­dem wir wie­der zurück im Hotel sind, dau­ert es noch einen wei­te­ren Tag, bis die Kopf­schmer­zen und die Übel­keit ver­schwin­den. Sicher­lich hilft es, auf einer ver­nünf­ti­gen Matrat­ze zu lie­gen. Am Abend las­sen wir unse­re Berg­be­stei­gung Revue pas­sie­ren und trotz Grenz­erfah­run­gen ist eines pas­siert: Ash­ley hat noch mehr Lust bekom­men, Ber­ge zu erklim­men. Vor eini­ger Zeit hat­te ich ihr vom Wan­der­weg E5 berich­tet, über den man die Alpen in sechs Tagen über­que­ren kann. «Lass uns das in den kom­men­den Som­mer­fe­ri­en machen», schlägt sie vor, und noch wäh­rend wir uns erho­len, geht es schon in die näch­ste Pla­nung.

Viel Zeit zum Aus­ru­hen haben wir aber nicht, denn nur einen Tag spä­ter geht es wie­der an den Fuß des Kili­man­dscha­ros, die­ses Mal zwar mit dem Auto, dafür wer­den wir dort dem Chag­ga begeg­nen, einem Stamm, der noch genau­so wie vor hun­der­ten Jah­ren im dich­ten Regen­wald lebt. Sein Über­le­ben sichert er sich durch das Anpflan­zen und Ern­ten von Kaf­fee­boh­nen.

Was sie genau machen und wie nah wir wie­der dem Kili­man­dscha­ro kom­men, lest Ihr in der näch­sten Fol­ge.

Category: Projekt Kilimandscharo

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  1. Heidi Peter zu Der Abschied: Von Kratern, Hyänen und zukünftigen Plänen22. Juli 2022

    Danke für die tollen Reiseberichte, alles Gute für euch lg heidi

  2. Bernd Bökenkamp zu Der Abschied: Von Kratern, Hyänen und zukünftigen Plänen21. Juli 2022

    Hallo ihr beiden. Ich hoffe ihr hattet eine wunderschöne Zeit und herliche Eindrücke. Danke auch für euren Reisebericht. Nun wünsche…

  3. Heidi Wulf zu Safari: Serengeti — Eine Übernachtung zwischen Raubtieren19. Juli 2022

    Absolut spannend, was ihr erlebt. Die Eindrücke werden euch noch Wochen und Monate begleiten. Da wird es dauern, bis man…

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