In der Nacht, die wir in der Serengeti im Zelt verbringen, wache ich immer wieder auf, so laut und durchdringend ist das Brüllen der Löwen. Abante, der Massai, der unser Zelt bewacht, erklärt mir, dass man anhand der Ruf hören könne, dass es sich um ein Löwenmännchen und um ein ‑weibchen gehandelt habe. Von der Lautstärke des Brüllens hatte ich gedacht, dass die beiden direkt vor unserem Zelt gestanden hatten. In meinen Gedanken hatte ich mir des Nachts schon ausgemalt, was passieren würde, wenn ich das Fliegengitter aufgemacht hätte. Die beiden waren aber wohl, so erzählt es mir Abante, knapp 150 Meter entfernt gewesen — trotzdem keine beruhigende Vorstellung.

Nach einem ausgiebigen Frühstück — Ashley hat ihre Liebe zu Pfannkuchen am Morgen entdeckt, machen wir uns auf den Weg, natürlich nicht ohne noch ein Erinnerungsfoto mit Abante zu machen. Isaiah untersucht noch einmal die Reifen, und dann geht es los.
Nur wenige Minuten, nachdem wir losgefahren sind, kommen wir zu einem Flussbett, an dem gestern die Löwen ihr Nachtmahl verzehrt haben. Jetzt erinnert nichts mehr an den tödlichen Kampf, der sich hier abgespielt haben muss, stattdessen genießen zahlreiche Flusspferde die Stille.

Eines von ihnen hatte es sich am Land bequem gemacht und versucht nun vorsichtig und elegant, soweit das bei Flusspferden möglich ist, zurück ins Wasser zu kommen. Ich zücke meinen Fotoapparat und halte drauf. Ganz langsm bewegt sich das Flusspferd den kleinen, steilen Abhang hinunter, bis es sein tonnenschweres Gewicht (Bullen können bis knapp zwei Tonnen wiegen) in den Tümpel gleiten lässt.
Auf unserer Fahrt durch die Serengeti begegnen wir Giraffen, immer wieder Zebras und Elefanten. Plötzlich muss Isaiah abrupt abbremsen. Eine ganze Gruppe von Pavianen versperrt unseren Weg — darunter etliche Paviankinder, die noch auf dem Rücken ihrer Mütter getragen werden. Innerhalb von Sekunden wird klar, wer der Boss der Herde ist. Mächtig, gelassen und stolz geht er seinen Weg.

Während wir weiter durch ausgetrocknete Serengeti fahren, helfen uns die Augen Isaiahs ein weiteres Mal weiter. Während Ashley und ich die Steppe und die einzelnen Bäume bewundern, deutet Isaiah auf einen von ihnen und fragt uns: «Na, was seht ihr?» Während Ashley ihr Fernrohr auspackt, schnappe ich mir meine Kamera und richte diese auf den Baum. Dort liegt, völlig unbeeindruckt und wahrscheinlich sogar schlafend, knapp 100 Meter vor uns ein Leopard im Geäst und lässt alle vier Beine vom Ast, auf dem er liegt runter hängen. «Das ist abhängen in Tansania», kommentiert Isaiah den Anblick schmunzelnd.
Bis um die Mittagszeit fahren wir weiter durch die Serengeti und sind noch nicht einmal in der Mitte dieser unglaublich weiten Fläche angekommen, als unser Guide uns andeutet, dass wir uns nun auf den Rückweg machen müssen, da wir am nächsten Morgen bereits im Krater sein wollen. Unser Hotel liegt nur wenige Minuten außerhalb des Kraters, der das Herzstück des Ngorongoro Parks bildet, der wieder im südlichen Teil an die Serengeti angrenzt.
Sechs Stunden zurück über die Ruckelpiste, verlangen nicht nur unseren Mägen, sondern auch dem Auto einiges ab. Denn nachdem es gestern bereits einen Platten hatte, rattert heute das Getriebe in einem beunruhigenden Ausmaße. Nach einem kurzen Zwischenstopp gibt sich Isaiah zuversichtlich, dass wir es bis zum Hotel schaffen und er sollte fast recht behalten. 15 Minuten vor Ankunft wird das Geräusch plätzlich so laut, dass Ashley und ich Angst haben, dass gleich alles auseinanderfällt.
Isaiah fährt notgedrungen an die linke Straßenseite (in Tansania herrscht Linksverkehr). Und hier macht sich wieder die tansanische Hilfsbereitschaft bemerkbar. Es dauert keine zehn Sekunden, da haben sich bereits mehrere Personen um den Wagen versammelt, machen die Motorhaube auf und wollen den Fehler beheben. Einer der Männer erklärt Isaiah, er solle 100 Meter zurückfahren, dort habe er eine Autowerkstatt. Dieser tut, wie ihm geheißen, und unter lautem Scheppern erreichen wir die Werkstatt. Diese besteht aus einem kleinen Platz auf sandigem Boden, in dessen Mitte ein drei Meter langes, längliches Loch klafft — anstelle einer Hebebühne. Isaiah platziert sein Auto direkt darüber und die Mechaniker steigen in die Grube hinab.
Währenddessen macht uns Isaiah deutlich, dass es länger dauern könnte und er uns ins Hotel zurückbringen will. Wie selbstverständlich kommt einer der Mechaniker mit einem Bulli an und deutet uns an, einzusteigen. «Wir helfen uns gegenseitig», erklärt er lächelnd in gebrochenem Englisch. Keine zehn MInuten später sind wir im Hotel angekommen.
Wir können an dieser Stelle noch nicht wissen, dass der Abend für Isaiah noch lange nicht beendet sein wird und er sogar noch um Mitternacht in eine andere Stadt fahren muss und zu guter Letzt noch nicht einmal mehr ein Hotelzimmer bekommt; all das werden wir erst am nächsten Morgen erfahren.