Mit jedem Schritt, den wir uns weiter vom Lemosho Gate entfernen, verschlingt uns der undurchdringbare Dschungel. Links und rechts des kleinen Pfades, den wir gehen, ist nach wenigen Zentimetern schon nichts mehr zu sehen; das Blätterwerk ist nach der Regenzeit, die erst vor einigen Tagen endete, komplett dicht. Lianen hängen an den Ästen der Urwaldriesen herunter; „Tarzan” ruft Sanga mir zu und deutet auf die bis zum Boden hängenden Zweige.
Links von uns geht es steil bergab; wie weit und wie tief, lässt sich nur erahnen. Sechs Kilometer lang soll der heutige Marsch werden. Für Ashley und mich eigentlich eine Kleinigkeit, sind wir doch in den Monaten zuvor fast wöchentlich eher zehn Kilometer und mehr gegangen. Nun merken wir aber die Herausforderung. Erstens starten auf knapp 1100 Meter Höhe, im Vergleich dazu: Augustdorf liegt auf 179 Meter über NN. Zweitens liegt der Anstieg bei 1500 Metern auf unserer ersten Tour. Diese Höhenunterschiede sind wir zwar gewohnt, allerdings ging es bisher eben auch auf unseren Rundwegen auch mal wieder bergab, das ist heute nicht der Fall.
Auch die deutliche Luftveränderung spüren wir schon nach den ersten Schritten, dazu kommt die Luftfeuchtigkeit von fast 80 Prozent und knapp 30 Grad im Schatten — sommerliche Temperaturen mitten im Winter, der in Tansania herrscht. „Welche gefährlichen Tiere gibt es denn hier”, frage ich Isaak, der vor uns hergeht, während Sanga das Schlusslicht bildet. „Vor allem Schlangen”, antwortet mir dieser.
Eine der häufigsten Schlangen in Tansania sei die Afrikanische Felsenpython. Sie ist die größte der Pythons auf dem afrikanischen Kontinent und unter den größten Schlangen der Welt. Felsenpythons können bis zu 4,5 Metern lang werden und bis zu 50 Kilogramm wiegen. Sie gehört zu den Würgeschlangen und erdrückt ihre Beute. Felsenpythons können generell alles fressen, was kleiner als sie selbst ist, zum Beispiel größere Nagetiere, kleine Antilopen, Krokodile, Paviane und Affen. Gefährlich für uns könnte jedoch die Puffotter werden, die hochgiftig sei. „Deshalb: pole pole”, ergänzt Issak, also langsam, langsam, auf den Boden achten und laut auftreten, dann würden die Schlangen durch die Erschütterung schon vor uns fliehen.
Der Pfad windet sich immer weiter in den Regenwald hinein, als Isaak uns ein Zeichen gibt, stehen zu bleiben und leise zu sein. „Tumbili” sagt er und deutet irgendwo in den Regenwald hinein. Unseren beiden Führern haben wir das Versprechen abgenommen, dass sie uns auf unserer Tour Swaheli beibringen, Tumbili bedeutet Affe. Ich schaue angestrengt in das Blätterwerk hinein, kann aber nichts feststellen. Erst nach einigen Sekunden sehe ich, wie sich die Blätter eines Urwaldriesen plötzlich bewegen und den Blick auf den Affen freigeben, der es sich hoch auf dem Baum bequem gemacht hat: ein Blauer Affe oder im Deutschen auch Weißkehlmeerkatze genannt. Genüsslich scheint er dort eine Banane zu verspeisen und reagiert weder auf das Geräusch des Fotoapparates noch unsere Gespräche. Da er unverständlicherweise nicht für ein Foto posieren will, geht es für uns weiter; zwei bis drei Stunden hat unserer Organisator Michael Goodluck für den ersten Tag eingeplant, aber glücklicherweise heißt es für uns „pole pole”, da sich Isaak und Sanga mit ihrem Tempo nach uns richten.
Nach einiger Zeit hören wir ein lautes Krächzen über unseren Köpfen — eine Krähe, so groß wie ein Adler kreist über unseren Köpfen. „Die sind klüger als siebenjährige Kinder”, merkt Isaak an. Die Krähen könnten Butterbrotdosen öffnen und sich blitzschnell Dinge merken.
Wenige Zeit später und ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass wir bald ankommen müssten, da kommen uns schon drei der Träger entgegen: „Notfallteam” rufen sie lachend auf Englisch und nehmen Ashleys und meinen Rucksack ab — nach einer kleinen Erhebung öffnet sich ein Plateau im Dschungel — wir sind an der ersten Etappe angekommen.
Der Eingang zum Camp ist durch ein großes Holzschild verziert auf dem neben dem Namen des Camps auch die Höhenmeter stehen, auf denen wir uns nun befinden: 2650 Meter. Geschafft aber glücklich gehen wir zu unserem durch die Träger bereits aufgebautem Zelt, und ich würde mich gerne direkt schlafen legen. „Nein, nein”, erklärt mir Innosence, unser Kellner streng. Ich müsse essen, um den nächsten Tag zu überstehen, denn dieser werde der anstregendste der Reise. Nachdem er uns zwei Schalen mit warmem Wasser bringt, damit wir uns frisch machen können, serviert er schon kurze Zeit später im Zelt heiße Gurkensuppe und als Hauptspeise Hühnchen mit Kartoffeln und Gemüse.
Nachdem wir fertig sind, wollen wir natürlich auch die menschliche Notdurft verrichten und stehen dann vor einer Baracke in deren Mitte ein Loch klafft, aus dem es höllisch stinkt. Aber, das haben Ashley und ich schon im Vorhinein besprochen, so eine Wanderung bedeutet auch über Grenzen zu gehen.
Nachdem wir uns bettfertig und uns in unseren Schlafsäcken gemütlich gemacht haben, kommt noch einmal Sanga zu uns ans Zelt: „Passt auf Eure Sachen auf, denn die Affen kommen des Nachts bis an die Zelte und klauen gerne” kündigt er an. Dann wünscht er uns eine gute Nacht und wir schlafen innerhalb weniger Sekunden ein.
Wer uns in der kommenden Nacht gestört hat, und was wir am nächsten Tag erleben, erfahren Sie im nächsten Teil der Serie Kilimandscharo.