An unserem zweiten Safaritag geht es in die berühmte Serengeti. Um dahin zu kommen, muss man jedoch erst einen anderen Park durchqueren, der direkt an die Serengeti angrenzt — den Ngorongoro Nationalpark.
Wie schon beschrieben, ist keiner der Parks mit Zäunen eingegrenzt. Auch verleitet das Wort «Park» zu der irrigen Annahme, dass die Fläche überschaubar ist. Das komplette Gegenteil ist der Fall. Fährt man in den Ngorongoro Park oder die Serengeti, ist bis zum Horizont nunr noch weite Fläche. Über hundert Quadratkilometer erstrecken sich die Flächen, dass sie sogar unterschiedliche Vegetationen aufweisen. Während es im Ngorongoro Park teils dichter Dschungel ist, dessen Boden durch viel Wasser gespeist wird, herrscht in der Serengeti um diese Jahreszeit — hier ist es Winter, Dürre, denn die Regenzeit hat vor zwei Monaten aufgehört. Löwen, Elefanten, Gnuherden und Giraffen wandern von einem Ende des Parks bis zum nächsten und legen dabei über hunderte Kilometer zurück, teils benötigen sie Wochen, um zu den saftigen Weiden zu kommen. Die Migration der Gnus ist ein lebendiges Beispiel der Weite der Region.
Über eine Ruckelpiste geht es für uns heute also zuerst durch den Ngorongoro Park. Dieser ist auch gleichzeitig die Heimat der Massai, eines alten Kriegerstammes, von dem ich in den nächsten Tagen noch näher berichten werde. Soviel sei schon mal verraten: Im kommenden Jahr wird uns nach unserer Kilimandscharobesteigung unser Guide Isaiah zu einem Stammeshäuptling und einem Dorf führen, die noch nie mit Touristen Kontakt hatten. Dieser wird mir für eine Reportage zur Verfügung stehen und wir werden zwei Tage mit diesem verbringen.
Zurück aber zu unserer Fahrt. Auf dem Weg durch den Park sehen wir immer wieder plötzlich Massaikinder aus den Büschen ans Auto springen. Dabei deuten sie immer wieder auf ihren Mund und bitten um Essen.

Nachdem uns Isaiah sicher durch die Weiten Afrikas gebracht hat, bremst er plötzlich abrupt ab und fährt an die Seite; ein geplatzter Reifen in der Wildnis, und um uns herum nichts als Steppe; nur in der Ferne sehe ich am Horizont verschwommen zwei Punkte, die sich uns nähern. Während Isaiah den Wagenheber aus dem Auto holt und erst einmal an diesem verzweifelt, steigen Ashley und ich ebenfalls aus und schauen uns um. Jetzt mag sich manch einer fragen, warum wir nicht helfen. Der Grund ist relativ einfach: In Tansania ist es bei Touren und in Hotels üblich, dass die Gäste nichts tragen und nicht mit anfassen. Möchte man das doch tun, kann es als Beleidigung aufgefasst werden; auch das mussten wir erst einmal lernen.
Isaiah entschuldigt sich mehrfach für den platten Reifen, dabei genießen wir die Aussicht. Allerdings macht er uns auch deutlich, sollten wir uns nicht zu weit entfernen, da sich im hohen Gras, Löwen Geparden oder Schlangen verbergen könnten. Die beiden Punkte sind mittlerweile immer größer geworden — zwei Massaikinder hatten uns aus mehreren Kilometern entdeckt und stehen nun vor uns. Die beiden beäugen Isaiah, der ebenfalls ein Massai ist genau und unterhalten sich mit ihm. Den Wortfetzen aus Kiswaheli kann ich entnehmen, dass sie um Brot bitten. Ashley und ich gehen zum Auto und bieten den beiden unsere Mittagboxen an, welche die beiden freudig lächelnd mit einem «Asante sana» aufmachen und verspeisen. Ich habe noch nie jemanden mit soviel Begeisterung eine Banane, ein Brot und einen Apfel essen sehen.

Nachdem Isaiah den Reifen gewechselt hat, geht es nun unter der freudigen Verabschiedung der beiden Massai weiter. Nach weiteren endlosen Kilometern gelangen wir an eine Tordurchfahrt, bei der deutlich wird, dass wir uns nun in der Serengetio befinden. Neben dem Torbogen sind die berühmten Worte Bernhard Grzimeks eingraviert: «Serengeti shall not die» — die Serengeti darf nicht sterben.
Isaiah berichtet uns davon, dass jeder, der irgendetwas mit Tourismus macht, ob als Guide, Fahrer oder sonst etwas, mit Grzimek in Berührung kommt. Ihm ist in der Mitte der Serengeti sogar ein Musseum gewidmet.
Nun haben wir noch drei Stunden Zeit, bevor wir in unsere Unterkunft kommen — ein Zelt mitten in der Serengeti. Wir machen das Verdeck des Range Rovers auf und halten gespannt Ausschau. Und wir müssen gar nicht lange warten, hinter einem Hügel kommen sie schon hervor — eine vierköpfige Elefantenfamilie. Während die Mutter voran geht, können sich die beiden Kleinen in der Mitte in Sicherheit wiegen, während der stolze Elefantenbulle gemächlich und doch wachsam hinterherschreitet.
Der Schädel eines Büffels am Wegesrand erinnert uns daran, dass wir nicht in einem Zoo sind, sondern im Reicvh der Tiere — dieses hier ist ihr Revier, wir dürfen lediglich die Wege nutzen und sie zu Gesicht bekommen, wenn sie es denn wünschen.
Nur ein paar Meter weiter versperrt uns nun eine Pavianherde den Weg. Mindestens zwanzig Tiere zähle ich, die sich ganz ruhig die Läuse aus dem Fell ziehen und uns gar nicht beachten. Ein Kleines hängt unter dem Bauch der Mutter und träumt vor sich hin, als plätzlich ein gellender Schrei eines der Tiere die Stille durchbricht. «Hier müssen Löwen in der Nähe sein», erklärt uns Isaiah, während er angestrengt in das hohe Gras schaut. Die Affen haben sich nach dem Schrei blitzschnell auf die vorhandenen Bäume zurückgezogen, was uns die Möglichkeit gibt weiterzufahren.

Auf dem Weg zu unserem Schlafplatz kommen wir an einem Flußbett vorbei, in dem zahlreiche Flußpferde ein Bad nehmen. Wenn man sich die Tiere so anschaut, die so friedlich vor sich hinzudösen, vergisst man leicht, wie aggressiv die Vierbeiner sein können und zu den gefährlichsten Tieren gehören, die auch vor Löwen oder Krokodilen nicht halt machen, sollten sie sich gestört fühlen.
Die Sonne sengt sich langsam über die Serengeti und Isaiah findet, anch einigem Suchen und Schleichwegen unsere Lodge. Diese besteht aus vier Zelten, in denen jeweils die Gäste untergebracht sind und einem Gemeinschaftszelt, in dem zusammen gegessen wird. Ashley und ich haben ein Zelt für uns alleine. Nachdem wir es genau inspizieren bleibt uns doch die Spucke weg. Neben einem Himmelbett mit einer luxuriösen Matratze, ist es auch mit einer richtigen Toilette und einer Dusche ausgestattet. Sogar auf W‑Lan müssen wir nicht verzichten. Die Lodge ist trotzdem mobil und schlägt ihre Zelte dort auf, woher die Gnus wandern. Wer sich einen Einblick von der Lodge machen kann, kann das hier tun.
Dort angekommen, werden wir mit warmen, gerösteten Erdnüssen empfangen und einem warmen, feuchten Waschlappen. Eigentlich will man uns nun unser Zelt zeigen. Wir sind aber so begeistert, dass wir erst einmal vor dem Gemeinschaftszelt sitzen bleiben und die Aussicht genießen.
Nach einer Dusche und dem Abendessen (es gibt Pfeffersteak, dazu geschnittene Avocados, Gemüse und Krautsalat) gehen wir zurück in unser Zelt. Während ich noch an den Artikeln für den kommenden Tag sitze, sehe ich den Strahl einer Taschenlampe vor unserem Zelt. Ich gehe raus und lerne Abante kennen, einen Massai, der für die Bewachung der Gäste verantwortlich ist. Unermüdlich wird er die ganze Nacht über zwischen den Zelten hin- und hergehen und nach Löwen Ausschau halten. Und während ich ihn auf einem Rundgang begleite, und er mir dieses in gebrochenem Englisch erläutert, höre ich bereits das Gebrüll des Raubtieres.
Abante erklärt mir, dass ganz in der Nähe eine Fluss sei und die Löwen immer wieder bis direkt an die Zelte kämen. Er verspricht mir, dass wenn er einen des Nachts sieht, er mich aufweckt. Auf die Frage, wie er diesen denn dann vertreiben wolle, entgegnet er lächelnd: «Mit meiner Taschenlampe und lautem Geschrei.» Nicht umsonst sagt man den Massai absolte Furchtlosigkeit nach.
Ich gehe zurück in unser Zelt, schreibe noch ein wenig und gehe dann ins Bett, während ich alle paar Minuten die Löwen brüllen höre.
Absolut spannend, was ihr erlebt. Die Eindrücke werden euch noch Wochen und Monate begleiten.
Da wird es dauern, bis man in den Alltag zurückfindet. Unvergesslich…
Liebe Grüsse Heidi und Herbert Wulf